Ein Leben für die Tauben
Egidius Trägler - einer der letzten Taubenzüchter von Geisenfeld
Wenn Egidius Trägler den Taubenschlag betritt, genügt ein vertrauter Laut – und jede Taube fliegt an ihren Platz. „Ich erkenne jede einzelne“, sagt der 83-Jährige Und man glaubt es ihm sofort. Denn seit 1948 gehören Tauben zu seinem Alltag. „Des war mei Leben“, sagt er mit einem Lächeln.
Damals, kurz nach dem Krieg, war die Taubenzucht ein weit verbreitetes Hobby. Der Brieftaubenverband zählte mehr Mitglieder als der Fußballverband. Auch in Geisenfeld gab es über 30 Züchter. Heute ist davon kaum etwas übrig. Trägler ist einer von nur noch fünf Aktiven im Verein „Auf zur Heimat“. Sein früherer Verein „Heimatliebe“, den er einst mitbegründete, existiert längst nicht mehr. „Früher war es ganz normal, Tauben zu halten“, erinnert er sich. Heute ist das anders. Der Sport ist aufwändig, zeitintensiv – und kämpft mit Vorurteilen. „Dabei ist das eine Wissenschaft für sich“, betont Trägler. Futter, Training, Haltung – alles muss exakt aufeinander abgestimmt sein.
Sein Tag beginnt früh. Um halb sieben lässt er zuerst die Männchen fliegen – eine Stunde lang. Währenddessen reinigt er den Schlag. Danach sind die Weibchen an der Reihe. Am Abend wiederholt sich das Ritual: erst die Männchen, dann die Weibchen.
Urlaub hat Trägler seit 25 Jahren nicht mehr gemacht. „Wegen der Tauben“, sagt er nüchtern. Früher begleitete er die Tiere zu den Wettflügen – das war sein Urlaub. Heute lässt es die Gesundheit nicht mehr zu. Doch den Schlag versorgt er weiterhin täglich – mit Hingabe und inzwischen mit Unterstützung seiner Frau.
Im Frühjahr beginnt die Flugsaison: vier Trainingsflüge, gefolgt von 14 Preisflügen – jedes Wochenende von Mai bis Juli. Der erste Trainingsflug führt nur bis Forstwiesen, dann steigert sich die Entfernung schrittweise.
Bei den Preisflügen treten bis zu 1000 Tauben an. Die ersten 333 erhalten eine Auszeichnung – doch ums Geld geht es Trägler nicht. „Das ist verschwindend gering.“ Sein größter Erfolg: der 8. Platz bei der Bezirksmeisterschaft – mit einer Taube, die nicht nur schnell, sondern auch schön war. Sie flog von Brüssel bis nach Geisenfeld – eine Strecke von rund 580 Kilometern – in 7 Stunden und 45 Minuten. Später wurde sie auch bei einer Ausstellung für ihre Schönheit prämiert.
Doch nicht nur die Wettkämpfe faszinieren ihn – auch das Verhalten der Tiere in der Luft ist für Trägler immer wieder ein besonderes Erlebnis. „Normalerweise drehen die Tauben nach dem Auslassen erst eine Runde“, erzählt er. „Aber neulich – da flogen 5000 Tauben gleichzeitig in alle Richtungen. Des war ein Anblick.“
Die größte Bedrohung für seine Tiere sind Greifvögel – Habichte, Wanderfalken. „Gerade wenn die Tauben erschöpft sind, werden sie leichte Beute“, sagt Trägler.
Doch was den Sport am meisten gefährdet, ist nicht der Habicht – sondern der fehlende Nachwuchs. „Ich wünsche mir, dass wieder mehr junge Leute Interesse finden.“
Ob der Taubensport eine Zukunft hat, weiß Egidius Trägler nicht. Aber solange es ihm möglich ist, wird er jeden Morgen im Schlag stehen. Und am Abend wird alles wieder stimmen: der Rhythmus, das Gurren – und die stille Treue seiner Tauben.