Miniaturwelt mit Herz
Wie Alois Escheu seinen Kindheitstraum verwirklichte
Wer die Kellertreppe von Alois Escheu hinabsteigt, landet in einer anderen Welt. Eine Landschaft in L-Form, fünf Meter lang und drei Meter breit, füllt den Raum. Es riecht nach Holz, das Licht ist gedämpft. Häuser, Felder, Brücken – alles in Miniatur. Und mittendrin rollen Züge durch Berge und Täler.
Für Escheu ist es mehr als eine Modelleisenbahn. Es ist sein erfüllter Kindheitstraum – und ein Stück seiner eigenen Traumwelt.
1973 lag unter dem Christbaum bei Tante Resi die erste Lokomotive – zwei Waggons dahinter. „Die hab i heut noch“, sagt der 57-jährige Bäckermeister und streicht über den Lack. Damals wollte fast jeder Bub eine Eisenbahn. Geprägt hat ihn auch sein Onkel: Für den waren Modelleisenbahnen Lebenselixier.
Alois Escheus großer Plan war ein eigenes Eisenbahnzimmer. 1997 begann er zu zeichnen. Zwei Jahre tüftelte er am Konzept. Wichtig: Die Landschaft sollte dominieren – die Züge sich harmonisch einfügen.
100 Meter Gleis hat er verlegt. Vieles verschwindet in Bergen oder führt zu zwei versteckten Bahnhöfen. Alles ist analog, ohne Computersteuerung. „Ein Elektriker würde den Kopf schütteln, wenn er hinter die Folie schaut“, sagt Escheu lachend und deutet auf den Kabelsalat.
Gebaut hat er fast alles aus wiederverwendeten Materialien: Das Skelett besteht aus altem Holz, die Hügel aus T-Shirts und Gips. Brückenteile selbst gestaltet – sogar eine Flieseneckleiste wurde zur Stahlbrücke umfunktioniert. „Ich bin halt a Bastler und a Recycler“, sagt er. Sein handwerkliches Geschick hat er nicht nur aus Hobbyarbeit, sondern auch aus seinem Beruf: Als Bäckermeister muss er Maschinen oft selbst warten oder reparieren – diese Erfahrung floss direkt ins Eisenbahnprojekt.
An den Wänden malt Escheu die Landschaft weiter. Wer den richtigen Blickwinkel erwischt, sieht Straßen und Felder scheinbar in die Ferne ziehen. Vorn stehen große Häuser, hinten winzige – so wirkt alles dreidimensional, es entsteht der Eindruck von Tiefe.
Jedes Detail sitzt: Baum, Strauch, Weinrebe. Sieben Jahre brauchte er allein für die Landschaft. Dann immer wieder erweitert mit neuen Ideen – ein Haus mit Pool, ein weiterer Bauernhof.
Seine Lokomotivsammlung ist so vielfältig wie die Landschaft – rund 50 Modelle besitzt er inzwischen. „I hob scho a paar ausgefallene“, sagt Escheu. Eine Lok besteht komplett aus Messing und ist handgelötet – die Königliche Bayrische Staatsbahn S2/5. Stolz erzählt er von der „Mallard“, einst schnellste Lok der Welt. Vom VW-Bus „Klv-20“ auf Schienen. Vom Schweizer „Krokodil“. Und natürlich „Geisenfelder Bockerl“. Jede Lok hat ihre Geschichte. Die wertvollste? „Ganz klar: die Lok von der Tante Resi.“
Heute fährt Escheu meist im Winter – ab und zu mit einem Freund oder seinem Cousin. Die Anlage ist für ein, zwei Mitfahrer ausgelegt. „Fahren macht schon Spaß, wenn jemand dabei ist, der auch Interesse hat“, sagt er.
Das Eisenbahnprojekt ist abgeschlossen. Das nächste Bauvorhaben steht fest: der Umbau einer Wohnung. Und wenn sich in der Familie später keiner für die Anlage interessiert? „Dann spende ich sie – damit sie weiterfahren kann.“